4 Deserts - die passenden Herausforderungen für Roberto


8. September 2012 irgendwo im World Wide Web
Hitze, Trockenheit, kaum etwas zu essen – Renn-Faktoren, welche Roberto Rivola nichts anhaben können. Ganz im Gegenteil. Diese Attribute fordern ihn regelrecht heraus. Den passenden Veranstalter hat er auch gefunden – 4 Deserts. Wie der Name schon sagt, finden in allen 4 Wüsten (Atacama, Gobi, Sahara und Antarktis) Mehrtagesläufe statt. Dabei werden die Teilnehmer nur mit Wasser und einem Zelt versorgt. Für den Rest muss der Läufer selber schauen bzw. die notwenigen Utensilien wie Verpflegung, Schlafsack und Kleider von Etappenort zu Etappenort selbst tragen. Im Frühling 2012 durchquerte Roberto die höchste Wüste der Welt (die Atacama Wüste) und im Herbst ging die Reise weiter – die heisseste Wüste rief am lautesten (Sahara Wüste in Ägypten). In einem höllischen Tempo lies er die beiden Wüsten hinter sich und finishte überglücklich. Das SportLABOR führte mit Roberto ein sehr interessantes und intimes Gespräch.
Interview mit Roberto
Name Roberto Rivola
Geboren 21. Juni 1959 in Bellinzona
Wohnort Zürich und Evilard (Magglingen)
Sportart(en) Traillaufen, Speed Hiking, Mountainbike, Rennvelo, Langlauf
Ruhepuls 45
Vorbild Gesunde ältere Leute
Fernziel Gesund, beweglich und unternehmensfreudig bleiben
Herzliche Gratulation zur super Leistung bei deinen zwei bisherigen Wüstenläufen. Warst du selbst überrascht über deine Leistung?
Ein bisschen schon. Ich wusste, ich war gut vorbereitet. Die grosse Unbekannte in der Atacama war die Höhe: der Lauf hat zwischen 2‘600 und 3‘200 m über Meer stattgefunden. Ich konnte die Tagesetappen gut einteilen und den 30. Schlussrang feiern. In der Sahara war hingegen die Hitze die grösste Herausforderung: auch hier mit gutem taktischem Gespür (relativ schnell starten in den „frühen“ Morgenstunden und etwas bremsen bei aufkommender Hitze) bin ich auf den 14. Rang und als erster meiner Altersklasse gelandet.

Wie bist du auf diese Wettkämpfe aufmerksam geworden bzw. was reizte dich speziell daran?
Seit Jahren wollte ich in die Wüste. Als Ausdauerläufer hat man schon vom Marathon des Sables gehört. Diese Veranstaltung hat aber zu viele Teilnehmer (etwa 1‘000) und ist mir zu kommerziell. Stell dir vor, während des Laufes kreisen über dich 4 Helikopter mit Medienleuten und Medizinern. Und dies in der Wüste, wo ich eher Ruhe erwarte. So recherchiert man weiter und stösst man auf die Veranstaltungen von www.racingtheplanet.com, unter anderem auf die Serie «4 deserts»: 250 km-Läufe mit Selbstversorgung in der windigsten, der heissesten, der trockensten und der kältesten Wüste dieser Welt. Die trockenste und die heisseste Wüste habe ich durchquert, die windigste wartet nächstes Jahr auf mich.

Bist du eine Wüsten-Maus? Kann dir die Hitze nichts anhaben?
Gewichtsmässig bin ich bestimmt kein Elephant, schon eher eine Maus – was mir beim Laufen auf dem Sand entgegenkommt. Die Hitze kann man einigermassen wegdenken; in der Atacama-Wüste bei 45 Grad im Schatten haben mir der Schnee und die Wolken auf den umliegenden Vulkanen etwas geholfen. In der Sahara kann man die Trainingsstunden vor dem Roseggletscher im Engadin abrufen. Wichtig ist, während den Mittagsstunden das Tempo etwas wegzunehmen und schnell gehen statt laufen. Je nach Untergrund und mit 7-8 Kg auf den Schultern ist dies manchmal eh das einzig Mögliche ...

Welche Eindrücke und Impressionen aus der Atacama-Wüste waren am Schönsten und begleiten dich heute noch durch den Alltag?
Am Meisten hat mich die Landschaft beeindruckt; wir waren an Orten, wo man nur zu Fuss hinkommen kann. Auf einer Hochebene bin ich mir wie in unseren Bergen beim ersten Schnee im Herbst vorgekommen. Nur, statt Schnee lag dort eine Salzkruste, die die Berge wie leicht beschneit aussehen liess. Und dann die vielen Freundschaften mit Menschen aus aller Welt. Mit nur 150 Teilnehmern kann man relativ viel Kontakte knüpfen. Am Abreisetag haben wir uns für den einen oder anderen Lauf irgendwo auf dieser Welt verabredet. Ein paar Kollegen aus Amerika und England haben uns Schweizer Teilnehmer vor Kurzem im Engadin besucht: wir haben ein Wochenende-Trainingscamp für den Lauf in der Saharawüste organisiert, und sie sind gekommen! Dabei haben wir auch Tourismusförderung betrieben: heute noch schwärmen sie auf Facebook und Twitter von der einmaligen Landschaft und den ausgezeichneten Trainingsmöglichkeiten.
An solchen Läufen ist der Kopf fast wichtiger als die Beine.
Der Wettkampf durch die Atacama-Wüste fand Anfang März statt. Bei uns herrschten während deiner Vorbereitungszeit zum Teil sibirische Temperaturen. Wie bist du bzw. dein Körper mit diesem drastischen Temperatur-Wechsel zurechtgekommen?
Ich bin eine Woche vor dem Lauf angereist; ich konnte somit ein bisschen Chile kennenlernen und mich insbesondere an die Höhe akklimatisieren. Die Wärme habe ich mit Velofahren auf der Rolle, voll aufgedrehter Heizung und zwei Kleiderschichten einigermassen simuliert. Eine Kollegin trainierte übrigens mit einem Stepper in der Sauna ... Der Sanduntergrund habe ich mit Longjogs im Tiefschnee simuliert – zum Glück hatten wir letzten Winter viel Pulverschnee (schmunzelt). Für die Sahara habe ich auf Beachvolleyball-Feldern Runden gedreht ...

Der Wettkampf dauert 7 Tage und jeden Tag brennt die Sonne auf die Erde. Es ist schwer, sich abzukühlen. Da kann ich mir gut vorstellen, dass man bei jeder Tages-Etappe ein Tief zu überwinden hat. Wie bist du damit umgegangen? Bist du nicht fast wahnsinnig geworden?
An solchen Läufen ist der Kopf fast wichtiger als die Beine. Der Trailläufer Scott Jurek sagt in seinem letzten Buch «Eat and run»: «That’s what I came for». Als ich eine weite Sandebene vor mir hatte, habe ich mir gesagt, «das ist jetzt echte Wüste, das wollte ich erleben». Und habe angefangen, Läufer um Läufer zu überholen. An einem Checkpoint hat mich die Organisatorin gefragt, ob ich „delirious“ sei: ich war tatsächlich in einem runner’s high. Ein Tiefpunkt war, als der scharfspitzige Salzboden auf einem Teilstück der längsten Etappe in der Atacama mir die Schuhsohle aufgeschlitzt hat, und ich hatte noch 40 Kilometer vor mir. Ich konnte zum Glück die Sohle behelfsmässig mit etwas Tape an jedem Checkpoint, das heisst ungefähr all 10 Kilometer, anheften. In einer solchen unvorhersehbaren Situation gilt es, sich einfach darauf einzustimmen und gleichzeitig festzustellen, dass der Körper immer noch gut funktioniert – und das ist das Wichtigste. In der Saharawüste hat hingegen der Magen während der langen Etappe (86 km) nach 5 Stunden zugemacht, ich konnte nur noch trinken. Da muss man einen Gang runter schalten und die nächsten 7 Stunden gemächlicher angehen.

Der Veranstalter stellt Wasser und Zelte zur Verfügung. Die restlichen Sachen müssen die Teilnehmer vor dem Start organisieren und auf jeder Etappe mit sich mittragen. Während dem Rennen verbrauchst du viele Kalorien. Wie konntest du deine Energiespeicher wieder füllen? Auf was muss man in der Vorbereitungszeit ein Auge werfen bezüglich Ernährung?
Ich habe etliche Stunden am Computer verbracht, um die Ausrüstung und die Ernährung auszuwählen und zu organisieren. Ich dachte, ich hätte alles für Atacama optimiert; denkste! In der Sahara wog mein Rucksack fast ein Kilo weniger als in der Atacama. Auf Excel-Tabellen habe ich zudem die Zusammensetzung, das Energiegehalt und das Gewicht von etlichen «Speisen» aufgelistet. Daraus habe ich das Verhältnis Gewicht / Protein, Gewicht / Kohlenhydrate, Gewicht / Fett und am Wichtigsten Gewicht / Kalorien ausgerechnet. Eine Anekdote: an Ostern vor einem Jahr haben meine Lebenspartnerin und ich statt Lammcarré, Rindsbraten oder Kaninchen an vier Abenden gefriergetrocknete Expeditionsnahrung gegessen – nachdem wir tagsüber einige Kilometer abgespult und Riegel und Gels gegessen hatten. Nach dem Motto: ja keine Experimente während dem Lauf. Die meisten Menüs haben übrigens sehr gut geschmeckt, insbesondere Wildeintopf und Wolffisch. Und beim „Abendessen“ in der Wüste konnte ich mich mit Freude an die Osterntage erinnern. Andere Teilnehmer konnten bereits am dritten Tag ihre einseitig zusammengestellte Speisen nur mit Überwindung essen. Nicht zu vergessen: dabei hatte ich mein Lieblingsmüesli und ... Bündnerfleisch!

Was bereitete dir die grössten Schwierigkeiten während dem Wettkampf?
Eigentlich nichts Besonders. Ich konnte meistens das Positive in jeder Situation erkennen. Und die atemberaubenden Landschaften haben mich immer schön abgelenkt: in sieben Tagen haben ich übrigens fast 1‘000 Photos geschossen ...

Du kommst gerade aus Ägypten zurück. Hat es Spass gemacht?
Ja, sehr. Die Sahara ist für mich DIE Wüste. Vor ein paar Jahren war ich in der tunesischen Sahara, für einen 100 Km-Lauf. Die ägyptische Sahara ist noch schöner. Wir hatten das Privileg, im Tal der Wale - ein UNESCO-Welterbe mit Skeletten von Walen - zu laufen: unvergesslich! Ich werde bestimmt wieder hingehen.

Du hast viele Trainingseinheiten in den Bergen absolviert. Hat dies einen speziellen Hintergrund oder liegen dir die Berge einfach mehr?
Die Berge liegen so nahe, sie bieten sich gerade an, um die Natur zu erleben. Als Tessiner bin ich wohl am Seeufer aufgewachsen. Jedes Wochenende war ich aber mit meinen Eltern im einen oder anderen Tal, um die Frische und die Natur zu geniessen.

Wie viele Kilometer hast du für Ägypten zurückgelegt?
Ich habe mein Training für die Wüstenläufe nicht besonders umgestellt. Ich laufe vielleicht ein bisschen langsamer, ich bezeichne mich mittlerweile als «Diesel», aber nicht viel weniger. Ich zähle eigentlich die Kilometer nicht, eher die Laufstunden ... Ich muss in meinem elektronischen Trainingstagebuch nachschauen: seit anfangs Jahr sind es ungefähr 2‘500 Km. Ich sehe da, dass ich dabei fast 70‘000 Höhenmeter gelaufen bin, wow!
Ich war fasziniert von ihrer Begeisterung:
Auch der Letzte im Ziel fühlte sich als Sieger.
Gibt es Unterschiede zwischen der Atacama-Wüste und der Sahara?
Die Atacama ist gemäss Organisatoren die trockenste, die Sahara die heisseste Wüste ... In der Sahara hatten wir bis 45 C, an einzelnen Tage kam auch feuchte Luft hinzu. Am Meisten leidet man im Camp, da dort kein Fahrtwind zu spüren ist (lacht). Zudem ist der Sahara-Sand tiefer. In der Atacama mussten wir ein paar Flüsse überqueren, in der Sahara zum Glück nicht.

Hast du mit Asics den ideal Wüsten-Partner gefunden? Auf was muss man bei der Ausrüstung achten und wo hast du dein Material getestet (im Sandkasten)?
Auf Wüsten ist nur ein französischer Ausrüster spezialisiert – es handelt sich ja um ein Nischenmarkt ... Asics bietet mir in erster Linie eine recht grosse Schuhauswahl. Seit Kurzem ist Asics auch auf dem Trailmarkt präsent; ich konnte bereits einige Produkte testen, die sich auch in der Wüste bewähren. Zudem bieten mir der Importeur Montana Sport und seine Fachleute eine ausgezeichnete Beratung.
Von Wegen Sandkasten: ich bin wie gesagt auf die Idee gekommen, einmal in der Woche ein paar Runden auf den Beachvolleyball-Feldern in Magglingen zu laufen. Sie ersetzen aber nie die 6 bis 14 Stunden in der Wüste. Letztes Jahr war ich eine Woche in den Sanddünen von Maspalomas trainieren. Dort besteht die Gefahr, sich in diesen wenigen Tagen zu übernehmen und Muskelverhärtungen oder Entzündungen einzufangen. Ich ziehe vor, langsam zu starten und Tag für Tag meinen Laufstil der Wüste anzupassen.

Ausdauer im Beruf: Der Arbeitsalltag ist geprägt von Hektik und Überbelastung. Sind Ausdauersportler stressresistenter und produktiver als die Arbeitskollegen, welche keinen Sport machen?
Ob ich produktiver bin, sollen andere Leute beurteilen. Seit ich Ausdauersport betreibe, fühle ich mich aber gelassener und langatmiger – ich kann Zwischenziele festlegen und natürlich bei jeder Zielerreichung entsprechend jubeln!

Auf deiner Facebook-Seite stellst du dein Projekt «1 Million Schritte für Special Olympics» vor. Dieses Projekt hört sich sehr spannend an. Willst du an dieser Stelle mehr darüber verraten?
In Magglingen habe ich geistig Behinderte bei Sportwettkämpfen beobachtet. Ich war fasziniert von ihrer Begeisterung: auch der Letzte im Ziel fühlte sich als Sieger. Sport können sie dank der Stiftung Special Olympics und ihren unzähligen Freiwilligen betreiben. Eine Kollegin hat mich von den Wettkämpfen ihrer behinderten Schwester erzählt; ein amerikanischer Kollege, den ich in der Atacamawüste kennengelernt habe, sammelt Geld für den amerikanischen Ableger von Special Olympics. 1 + 1 macht 2: ich habe mich an die Wettkämpfe in Magglingen und an die Schwester der Kollegin erinnert, Special Olympics Schweiz kontaktiert – und seit ein paar Monaten sammle ich Geld, damit auch geistig Behinderte ein Ziel vor Augen haben. Die Bewegung hilft ihnen zudem, ihr Körper besser wahrzunehmen und gesund zu bleiben.
1 Million Schritte für www.specialolympics.ch
Wer Roberto und seine Stiftung unterstützen möchte, findet auf seiner Facebook-Seite oder auf seinem Blog alle wichtigen Information dazu.
Spendenkonto 60-253420-6, Rivola Special Olympics, Zürich
Du hast die Projekte von Ruedi (Ruedi rennt) und Reto (1333km.ch) unterstützt. Bist du ein sozialer Mensch, welcher gerne hilft und unterstützt?
Ruedi und Reto haben wahnsinnige Projekte auf die Beine gestellt. Sie sind zudem extrem sympathische Persönlichkeiten – und gute Läufer. Es bietet sich gerade an, mit ihnen zusammen Kilometer für einen guten Zweck abzuspulen.

Besten Dank für deine Zeit. Das SportLABOR wünscht dir ganz viel Erfolg auch in der Wüste Gobi.
Check-out
Meine persönlichen Stärken? Freude an der Bewegung, Ausdauer, Fokussieren
Was nervt mich? Geschwafel, Unpünktlichkeit
Ich habe Angst vor? Ich habe Respekt vor Krankheiten
Mein Erfolgsrezept ist? Immer ein Ziel vor den Augen haben
Dieses Buch hat mich geprägt? Ich lese so viel (überlegt lange). In letzter Zeit „Born to run“, ein Buch über die mexikanischen Tarahumara und ein paar verrückte westliche Ausdauerläufer.

Kurz und bündig
Wohlfühlen in der Natur
Wüste die Weite und bei genauem Beobachten die Farbenvielfalt
Liebe spende Liebe, du wirst Liebe erhalten
Toleranz Leben und leben lassen
Geborgenheit im warmen Sand und in meinem Adlernest

(Training)-Tipp(s) für zukünftige 4Deserts-Teilnehmer lange, langsame Läufe mit Gewicht im Rucksack; der Körper muss sich an eine solche Belastung gewöhnen. Zudem Rumpftraining. In der Ausrüstung investieren und sie ausgiebig testen.
Impressionen