Irontrail 2013 - Bündner Sternstunden


Gelaufen und geschrieben von Michael Helbling
Per aspera ad astra, kalauert der Lateiner ja gerne, wenn er sich wieder mal den Arsch aufgerissen hat, um sich hernach im Glanz seiner Taten sonnen zu können. Wortwörtlich heisst das so viel wie «Durch Ungemach zu den Sternen» oder auf gut Deutsch «Ohne Fleiss kein Preis». Den Spruch jedenfalls könnten sich die Organisatoren des Irontrails guten Gewissens auf die Fahnen schreiben – schliesslich gabs nicht nur einen schönen Preis im Ziel, sondern auch jede Menge Sterne. Doch dazu später. Nach der missglückten und ins Wasser gefallenen Premiere im letzten Jahr war es dem Irontrail-Team um Andrea Tuffli zu wünschen, dass nun alles rund lief.


Für mich als Läufer des T81, der am Samstagmorgen um 10 Uhr in Savognin gestartet wurde, zeichnete sich einige Tage vorher schon ab: Das wird ein Traumtag! Sonnig, aber nicht zu heiss. Das sollte aber nicht für die Läuferinnen und Läufer des T201 und des T141 gelten, die bereits am Freitagmorgen um 8 Uhr bzw. am Freitagabend um 20 Uhr auf die Strecke geschickt wurden: Es regnete, und das nicht zu knapp. Da sind wohl einige Erinnerungen ans vergangene Jahr wachgeworden. Als wären 140 oder 200 Kilometer nicht schon genug, jetzt also auch noch Regen: Respekt, ich verneige mich!

Doch zurück nach Savognin: Das befürchtete Chaos bei der Startnummernausgabe, für die insgesamt lediglich 90 Minuten eingeplant waren, blieb aus. Alles klappte wie am Schnürchen. Motivierte und aufgestellte Helfer waren sich nicht zu schade, auch die dümmste Frage mit einer Engelsgeduld zu beantworten. Ausser vielleicht ... die Sache mit dem Tracker. Diesen sollte man einfach einschalten. Hab ich getan, im Fall. Und immer gewartet, dass mir das Gerätchen mittels Piepston oder Blinken zu verstehen gibt, dass es mindestens so ready ist wie ich. Es konnte mir auch niemand sagen, ob es nun piepsen oder blinken muss. Im Ziel hab ich dann erfahren, dass es das hätte sollen. Das hätte ruhig im Beipackzettel stehen dürfen.

Dann der Start: Ein internationales Trüppchen von rund 70 Nasen, angeführt von den Mammut-Teamläufern Ildikó Wermescher und Csaba Németh (beide Ungarn) machte sich auf den Weg der 82 Kilometer mit rund 5000 steigenden und 4800 fallenden Höhenmetern. Zum Warmwerden gabs dann gleich mal den ersten Berg: Einen Aufstieg von rund 1200 Metern zum Ziteil, dem höchstgelegenen Wallfahrtsort der Ostalpen, wo ein erster Verpflegungsposten Gelegenheit bot aufzutanken, bevors dann über einen teilweise wunderschönen und technisch mittelschweren Downhill nach Tiefencastel ging – über 1500 Höhenmeter weiter unten im Tal. Bereits während des Abstiegs konnte ich die Lenzerheide erkennen, eingefasst auf der Westseite von Piz Scalottas, Piz Danis und Stätzerhorn, auf der Ostseite vom Lenzerhorn sowie Rot-, Weiss- und Schwarzhorn. Und ziemlich genau in nördlicher Richtung war das Churer Joch zu erkennen – kilometermässig etwa die Hälfte der Strecke.

Der Abschnitt zwischen Tiefencastel und Lenzerheide war wenig spektakulär und führte zumeist über Asphalt und Feldwege. Das war zwar wenig fordernd, lud aber dazu ein, die Pace vergleichsweise hochzuhalten und so gut und billig ein paar Kilometer gutzuschreiben. Bei Kilometer 37 in Valbella lud dann ein weiterer Verpflegungsposten zu Rast und Ruh’ – so man sich dies dann auch gönnte. Ich für meinen Teil tat das, andere nicht – so etwa die spätere Zweite des 201ers, Yukari Nishida, die weiter trottete, als hätte sie noch Grosses vor. Hatte sie auch. Bis dahin war sie sogar die Führende. Das auch sie kein Übermensch ist, sah ich dann bei der Verpflegung in Tschiertschen, als sie sich in den ihr dargebotenen bequemen Stuhl fallen liess und erstmal Pause machte – kein Wunder, nach 170 Kilometern.

Auch nach Valbella gings sehr angenehm weiter, wohlwissend, dass da noch einiges kommen sollte. Unterwegs immer wieder sympathische Leute, die uns Läuferinnen und Läufer anfeuerten und einfach den Plausch an der ganzen Sache hatten. Etwa jener, der mich in seinem Geländewagen überholte, den Motor abstellte, das Seitenfenster runterliess und einfach fragte: «Du, jetzt musst Du mir mal erklären, was das für ein verrücktes Rennen ist!» Der kleine Unterbruch kam mir so willkommen wie der kurze Schwatz im Abstieg vom Churer Joch nach Tschiertschen, als ich von einem (mutmasslich inoffiziellen) Streckenposten erfuhr, dass der Führende auf der Langstrecke mit kaputten Stöcken bei ihm vorbei kam. Da wurde nicht lange Federlesens gemacht: Man gibt eben, was man hat – in diesem Fall Stöcke, und so konnte Andreas Allwang (er wirds wohl gewesen sein) frisch bestockt dem Ziel entgegeneilen. Und nebenbei erfuhr ich, dass ich etwa an 22. Stelle war. Grossartig!

Der Halt in Tschiertschen tat gut. Rund 50 Kilometer waren durch, das hiess auch: nur noch etwas mehr als 30 Kilometer bis ins Ziel. Es war kurz nach halb sieben, ich fühlte mich gut und hatte nach wie vor das Gefühl, auf Kurs zu sein. Angepeilt war – sollte alles perfekt laufen – um Mitternacht die Ziellinie zu überqueren. Wenn ich mir nun die Schlusszeiten anschaue, dann weiss ich: Hoppla, ganz schön ambitioniert, junger Mann! (Mit so einer Zeit wäre ich übrigens in die Top Ten gelaufen.) Wie auch immer – es wartete noch der eine oder andere Berg. Der eine war das Aroser Weisshorn, der andere der Aufstieg zum Strelapass kurz vor dem Ziel.

Das Aroser Weisshorn: Den Gipfel gabs erst nach 1300 Höhenmetern, wobei vor allem die zweite Hälfte knüppelhart war. Es wurde steil, steil, steil. Und am Ende noch steiler. Aber der Zeitpunkt für den Aufstieg war perfekt: Der Tag verabschiedete sich mit jedem Höhenmeter ein bisschen mehr, es dämmerte und in der Ferne gabs einen Hauch von Alpenglühn. Und es wurde frisch. Der Streckenposten auf dem Weisshorn sagte etwas von null Grad, was ich ihm sofort glaubte. Also, schnell das warme Langarmshirt übergestreift, die Stirnlampe montiert und runter nach Arosa. Der Downhill war easy und führte hauptsächlich über die sommerliche Version der Skipisten und befestigte Wege, so dass ich schon fast wieder entspannt beim grossen Verpflegungsposten in Arosa eintraf.

Weil ich im Vorfeld die Verpflegungsposten und ihr Angebot fast auswendig gelernt hatte, wusste ich genau, worauf ich mich seit 30 Kilometern freute: ein alkoholfreies Erdinger. Dazu frisches Brot, Bergkäse und Bündner Fleisch (Ja, genau: «Bühühündner Fleisch!»), warme Gemüsesuppe und ein entspannter Plausch mit den Helfern, das Ganze im lauschigen Ambiente einer Zivilschutzanlage … – Spass beiseite: Die Posten waren wirklich einer nach dem andern wunderbar. Entspannte Stimmung, die Helfer waren immer bei der Sache und nie um einen aufbauenden Spruch verlegen. Toll – und vor allem merci! Ihr habt einen Riesenjob gemacht.

Dergestalt gestärkt an Leib und Seele nahm ich die letzten rund achtzehn Kilometer in Angriff. Ich schrieb meiner in Davos wartenden Freundin ein SMS, dass es wohl eher ein Uhr werden würde. Motiviert und immer noch recht frisch trabte ich los und tauchte ein in den nächtlichen Schiesshorn- und Furggawald auf dem Weg nach Medergen, wo ich mich unterm Sternenhimmel ans grosse Latinum erinnerte: per aspera ad astra – durch Ungemach zu den Sternen. Weil erst gerade Neumond war und es hier draussen kaum Lichtsmog gibt, waren diese Momente im Nirgendwo zwischen Arosa und Davos veritable Sternstunden. Wer braucht schon Stars, wenn er einen Himmel voller Sterne hat?

Gleichzeitig war aber für mich auch langsam der Punkt erreicht, wos richtig hart wurde: Die Füsse begannen zu brennen, die Knie wurden langsam steif, die Oberschenkel verhärteten zusehends. Da wird dann auch das Nervenkostüm, sagen wir mal: durchlässiger als auch schon. Entsprechend gereizt war ich dann auch, als ich mit den Tücken der Streckensignalisierung kämpfte: mal ein flatterndes weisses Band, mal ein oranges Migrosfähnli, mal ein markierter Stein, da und dort etwas reflektierendes Band. Der Aufwand für die Streckenmarkierung stand für mich umgekehrt proportional zu den Kilo- und Höhenmetern. Da wurde gespart, Eigenverantwortung der Läufer hin oder her. Ich möchte nicht bestreiten, dass ich mich bei nebligen Verhältnissen ohne weiteres hätte verlaufen können. Item, am Ende hab ich den Weg gefunden – und auch das Ziel. Aber das lag erst hinter dem Strelapass.

Letzter Verpflegungsposten Jatzi bei Kilometer 75: Das ist recht eigentlich verrückt, wenn Du nachts durch die Berge läufst, schon ziemlich auf den Stümpen bist, und dann kommst du an eine beleuchtete Hütte, wos Brot und warme Suppe und noch wärmere Worte gibt. Es dürfte mittlerweile weit nach Mitternacht gewesen sein, und das Ziel lag noch schlappe sieben Kilometer weg: einfach noch husch auf den Strelapass und dann runter nach Davos pläuscheln. Hat auch die Frau am Posten gesagt: «In einer Stunde bist du auf dem Pass, dann noch eine halbe Stunde runter.» So einfach geht das – wenn man noch frische Beine und Tageslicht hat.

Den Plan mit den Verpflegungsposten habe ich sehr gut studiert, den Streckenplan eigentlich auch. Aber wenn ichs recht bedenke, hab ich den Schlussaufstieg auf den Strelapass wohl … ähm, vergessen? Mindestens verdrängt hab ich ihn. Heiliger Energieriegel, war das nochmals steil. 2 Kilometer, 500 Höhenmeter rauf, ich wollte es erst gar nicht glauben, als ich plötzlich bei der Strelapasshütte war. «Na, alles klar?» fragte einer der zwei Streckenposten. «Jaja, geht schon», sagte ich. «Aber langsam hab ichs gesehen.» Seine lakonische Antwort: «Kein Wunder, so dunkel wies ist, gibts auch nichts mehr zu sehen.»

Nach einem eher unspektakulären Abstieg kam ich dann nach 17 Stunden und 22 Minuten endlich ins Ziel. ENDLICH! Budgetiert waren bei optimalem Verlauf 14 Stunden, auch 15 wären gut gewesen. Ich fühlte mich bis nach Arosa grossartig, Kopf und Beine wollten und konnten. Am Ende wurde ich 22. von 59 Klassierten – so weit vorne war ich noch nie. Also doch super gelaufen unterm Strich. Und im Ziel gabs dann das, was der gemeine Trailläufer am liebsten mag: einen guten Schluck Erdinger, eine lange Umarmung von jemandem, der sehr lange warten musste – und einen Finisherbeutel mit Stirnlampe (Supergeschenk 1) und Bühühündner Fleisch (Supergeschenk 2).

Fazit: Die Strecke des Irontrail wird ihrem Namen absolut gerecht – und das war erst der T81. Man sollte aber wissen, worauf man sich einlässt. Nicht nur eine solide Kondition ist unabdingbar, um auf den Strecken des Irontrails zu bestehen, sondern auch ein Minimum an Trailerfahrung. Alles in allem eine runde Sache, mit ganz vielen Plus und ganz wenigen Minus.

Plus: Zuallererst einmal wunderschöne Trails in einer wunderschönen Landschaft, eine rundum gute Organisation, motivierte Helfer, tolles Angebot an den Verpflegungsposten (Reis, Pasta, Dörrfrüchte, Brot, Käse, Schokolade, Kuchen, Bühühündner Fleisch, Suppen und vieles mehr) – und nicht zuletzt ein tolles Finishergeschenk.

Minus: Der etwas eigenwillige Zeitplan – der Sieger der T201 sollte als erster in Davos einlaufen – hatte zur Folge, dass vergleichsweise viel und lange in der Nacht gelaufen werden musste. Über die Qualität der Streckenmarkierung lässt sich zweifellos streiten. Immerhin wurde immer klar kommuniziert, die Läuferinnen und Läufer müssten die Strecke auch mit der Karte finden können. Dennoch: Die eine oder andere reflektierende Markierung mehr hätte nicht geschadet.
Impressionen des Irontrails